Die Waage zeigt Erfolg. Das Leben eigentlich auch. Doch für viele Patienten folgt nach der massiven Gewichtsabnahme der nächste Schock: Hautlappen am Bauch, an Armen und Beinen, Schmerzen bei jeder Bewegung – und das Gefühl, im eigenen Körper noch immer gefangen zu sein. „Die Haut hängt wie ein nasser Sack“, beschreibt Dr. Alexander Stuflesser schonungslos die Realität vieler Betroffener.
Im Adipositaszentrum Wesermarsch am St. Bernhard Hospital Brake begleitet der Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie Menschen, die oft einen jahrelangen Kampf hinter sich haben. Menschen, die ihr Übergewicht überwunden haben – und dennoch weiter leiden. „Mir geht es darum, dass sich die Patienten in weniger Haut besser fühlen“, sagt Stuflesser. Ein Satz, der beschreibt, worum es bei postbariatrischer Chirurgie wirklich geht: nicht um Schönheit um jeden Preis, sondern um Lebensqualität.
Viele verbinden plastische Chirurgie automatisch mit kosmetischen Eingriffen. Doch im Bereich der postbariatrischen Chirurgie gehe es vor allem um medizinische Notwendigkeit, erklärt Stuflesser. „Körperliche Beschwerden sind medizinisch indiziert – und nur diese Eingriffe werden von den Krankenkassen bezahlt.“ Alles Weitere sei Zusatzleistung und etwas für Selbstzahler. Am häufigsten werden Bauchdeckenstraffungen durchgeführt. Danach folgen Oberarm- und Oberschenkelstraffungen. Besonders die Bauchdeckenstraffung sei für viele Patienten ein emotionaler Wendepunkt. Auch Stuflesser erinnert sich noch genau an seinen ersten Fall an der Uniklinik Würzburg: „Meine ersten drei Operationen waren Bauchdeckenstraffungen. Gerade diese Eingriffe sind für viele Patienten oft wie ein neues Kapitel im Leben.“ Denn hinter jedem Eingriff steckt eine persönliche Geschichte. Etwa die einer Mutter Mitte 30, die ihr starkes Übergewicht überwunden hat – und plötzlich feststellen musste, dass der Kampf damit nicht vorbei war. Die überschüssige Haut schränkte sie im Alltag ein, verursachte Schmerzen und nahm ihr ein Stück des neu gewonnenen Selbstbewusstseins. Fälle wie diese erlebt Stuflesser regelmäßig. Der eigentliche bewegende Moment komme jedoch meist erst nach der Operation. „Wenn sich der Patient über den Bauch streicht und merkt: Da ist ja nichts mehr. Die Hautlappen sind weg.“
Ein weiterer Aspekt, über den kaum gesprochen wird, ist die psychische Belastung vieler Betroffener. Denn obwohl die Kilos verschwunden sind, fühlen sich viele Menschen noch immer gefangen im alten Körper. „Viele Patienten schämen sich weiterhin“, berichtet Dr. Alexander Stuflesser. Sie meiden Schwimmbäder, tragen weite Kleidung oder verstecken ihren Körper trotz großer Gewichtsabnahme. Besonders schwer sei für viele die Erkenntnis, dass nach dem Abnehmen neue Belastungen entstehen können. Hautlappen am Bauch, an Armen oder Beinen erinnern täglich an die Zeit des Übergewichts. „Für manche Patienten ist das emotional fast schwerer als das Abnehmen selbst“, sagt Stuflesser. Umso bewegender sei oft der Moment nach der Operation – wenn aus Gewichtsverlust endlich wieder Lebensqualität wird.
Denn wer glaubt, mit einer Gewichtsabnahme seien alle Probleme gelöst, unterschätzt die Herausforderung. „Viele überrascht am meisten, dass es nicht leicht ist, das Gewicht zu halten“, sagt Stuflesser. „Das ist Arbeit und erfordert Disziplin und Durchhaltevermögen.“
Doch bevor überhaupt operiert werden kann, gelten klare medizinische Voraussetzungen: Das Gewicht muss mindestens sechs Monate stabil sein. Außerdem seien intensive Gespräche wichtig. Denn nicht jeder Wunsch lasse sich erfüllen. „Wenn Wunschvorstellung und Realität zu sehr auseinanderdriften, rate ich auch bewusst von einer Operation ab.“ Sind die chirurgischen Techniken auch ähnlich wie bei klassischen ästhetischen Eingriffen – die Voraussetzungen sind jedoch völlig unterschiedlich. „Es ist ein Unterschied, ob man einen sportlichen jungen Patienten mit straffer Haut operiert oder einen Mann Anfang 50, der jahrelang mit starkem Übergewicht gelebt hat und nach seiner Gewichtsabnahme nun unter schweren Hautlappen leidet“, erklärt Stuflesser. Gerade diese individuellen Voraussetzungen machten die postbariatrische Chirurgie besonders anspruchsvoll.
Die Nachfrage nach postbariatrischen Eingriffen werde in den kommenden Jahren weiter steigen, davon ist Stuflesser überzeugt. „Übergewicht ist eine Volkskrankheit.“ Gleichzeitig beobachtet er, dass viele Menschen noch immer zögern, sich beraten zu lassen – aus Angst, Unsicherheit oder Scham. Dabei könne ein erstes Gespräch bereits viel verändern. „Eine Beratung tut nicht weh, kostet nichts und ist ohne Folgen“, betont er. „Man kann sich für oder gegen eine Operation entscheiden.“ Und manchmal gehe es dabei um weit mehr als nur um überschüssige Haut. Weniger Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mehr Beweglichkeit. Mehr Selbstwertgefühl. Mehr Lebensfreude. Oder, wie Stuflesser es selbst formuliert: „Überlegen Sie sich, was sich ändern könnte.“
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