Nach 1,5 Jahren Tätigkeit an einer Rehabilitations-Klinik war ich nahe daran, meine eigentlich gerade erst begonnene Ausbildung als Arzt an den Nagel zu hängen. Mir war während meiner Arbeit an der Reha-Klinik vor allem eines klar geworden: wie wenig ich wußte und wie wenig praktische Erfahrung ich hatte. Ich sah nur noch die Nachteile des Arztberufes und hatte über meiner Frustration des Nicht-Wissens völlig vergessen was der Arztberuf noch zu bieten hat und weswegen ich ursprünglich einmal angefangen hatte, Medizin zu studieren.
Mittlerweile gehöre ich seit 4 Wochen hier in Brake mit zum Team und habe meine Entscheidung, hier anzufangen bisher keinen einzigen Tag bereut. Innerhalb dieser 4 Wochen habe ich gelernt, selbständig Gastroskopien, Sonographien und Pleurapunktionen durchzuführen und bin mehrmals mit dem Notarzt mitgefahren. Bei Fragen kann ich jederzeit entweder einen Chefarzt oder einen erfahreneren Assistenten hinzuziehen. Da das Haus mit seinen 126 Betten eher klein ist, sind die Wege kurz und es dauert meist nur 1-2 Minuten ehe ein Kollege zur Stelle ist. Die praktische Ausbildung läuft nach dem Schema "see one, do one, teach one" ab. Was man einmal gesehen hat, wird man das nächste Mal unter Aufsicht selber machen und ab dann – wenn man sich bereits sicher genug fühlt – völlig selbständig.
Bei auffälligen Befunden, z.B. in der Sonographie oder Gastroskopie werden andere, gerade nicht anwesende Kollegen, hinzugerufen, um diese auch sehen und daraus lernen zu können. Prinzipiell gibt es allgemein internistische, onkologische Stationen und eine Intensivstation. Ebenso gehört die internistische Notaufnahme zu unserem Arbeitsgebiet und die Funktionsdiagnostik der inneren Medizin mit Gastroskopien, Koloskopien, TEE’s und ERCP’s. Wir Assistenzärzte rotieren dabei, so daß jeder mit der Zeit Erfahrung in jedem einzelnen der Gebiete sammelt. Einzig die Notaufnahme und der Ultraschall werden von allen Assistenzärzten gleichzeitig betreut.
In der Aufnahme werden alle Patienten, nachdem sie von einem Assistenten aufgenommen wurden, von Dr. Bigge gesehen, bevor sie weiter auf die Station gebracht werden. Dabei werden alle Befunde, das gesamte Krankheitsbild und das weitere klinische Vorgehen direkt am Bett des Patienten besprochen. Fragen und Unklarheiten werden dabei ebenso geklärt, wie auch an Hand Dr. Bigges praktischem Beispiel gelernt, worauf man noch hätte achten müssen und was man noch hätte fragen können. Kritische Situationen lernt man so zunächst im Beisein eines ruhigen Chefarztes zu meistern, um dann im nächsten Schritt dazu in der Lage zu sein, selbst ruhig und korrekt mit solchen Situationen umzugehen. Auf den Stationen finden 2x/Woche Visiten mit Chef, bzw. Oberarzt statt, so daß auch hier eine sehr gute Betreeung gewährleistet ist. Natürlich fallen auch einmal Überstunden an, insgesamt haben wir aber geregelte Arbeitszeiten und kommen abends pünktlich nach Hause. Dennoch notwendige Überstunden werden entweder ausbezahlt oder in Freizeit vergütet. Die Dienste sind menschlich und dauern unter der Woche von 14 Uhr des einen Tages bis 11 Uhr des nächsten Tages. Insgesamt fallen pro Monat ca. 4 Dienste/Assistenzarzt an.
Das Team ist insgesamt ein sehr junges Team. Die Stimmung im Team ist freundschaftlich, man trifft sich auch außerhalb der Klinik immer wieder, um gemeinsam zu kochen, wegzugehen oder auf einen Spieleabend. Bis auf eine hartnäckige Wesermärschlerin wohnen alle Ärzte in Oldenburg, was eine hohe Lebensqualität bietet. Es muß daher niemand Angst haben, hier in Brake auf dem Land zu versauern – im Gegenteil: durch das Wohnen in Oldenburg hat man alle Vorteile einer Stadt und gleichzeitig sämtliche Vorteile eines kleinen, sehr gut organisierten und medizinisch sehr gut ausbildenden Krankenhauses.
Brake, den 24.11.2007
Karin Beschmann
St. Bernhard-Hospital
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